Am Abgrund

(Eine Szene, wie sie sich vor ca. 15 Jahren oft in meinem Leben abgespielt hat..)

Ich sitzte einfach nur da. Im Schneidersitz auf einer Mauer aus alten Sandsteinen. Ich genieße es, wie der Wind meine Haare verweht. Mein Blick ist unendlich leer und in die Ferne gerichtet und dennoch spiegelt sich so unglaublich viel darin. Unter mir sind die Bahngleise. Ich fühle mich leicht und frei, weil ich mir vorstellen kann, wie es sich anfühlen würde, mich einfach in die Tiefe fallen zu lassen.

Wie wäre es wohl so schwerelos durch die Luft zu fliegen? Das Gefühl ist mir sehr vertraut, denn ich denke oft daran. Es gibt mir Sicherheit. Sicherheit in einer Welt, die jederzeit auseinander zu fallen droht.

Es ist meine Mauer! Meine Brücke! Mein Lieblingsort…

Die Brücke ist etwas abgelegen und befindet sich am Rande des Ortes in dem meine Eltern wohnen. Man muss erst durch eine Art abgelegenen Park gehen um dorthin zu gelangen so, dass nur selten ein Mensch hierher kommt und mich in meinen Gedanken stört.

Es ist einer meiner geheimen Orte von denen keiner etwas weiß. Hierher kann ich mich zurück ziehen, wenn mir mal wieder alles zu viel ist. Wenn der Schmerz in meinem Innern mich wieder einmal zu zerreißen droht und unerträglich wird. Wenn die Welt um mich herum nur noch schwarz ist und ich es nicht aushalten kann unter Menschen zu sein. Eigentlich überhaupt noch zu sein.

Ich komme oft nach der Schule hierher, wenn ich nicht nach Hause möchte, weil ich Angst habe, was mich dort erwartet…

Hier oben auf der Mauer fühle ich mich frei. Der Wind bläßt mir um die Ohren und sortiert meine Gedanken wieder, die vorher ein heilloses Chaos waren. Ich merke, wie nach und nach die Anspannung von mir abfällt. Hier bin ich alleine, ohne mich einsam zu fühlen. Ohne, das Gefühl zu haben, ungewollt und unerwünscht zu sein. Hier kann ich einfach sein ohne, dass irgendwer irgendetwas von mir erwartet. Hier muss ich nicht versuchen unsichtbar zu sein, um niemanden durch die bloße Tatsache meiner Existenz wütend zu machen. Hier schreit mich niemand an oder lacht mich aus. Hier bin ich sicher und kann die Maske fallen lassen, die tagsüber auf meinem Gesicht liegt, damit niemand merkt, wie schlecht es mir geht. Es will keiner hören, ich habe es mehrfach versucht. Aber es versteht einfach keiner, keiner hört mir zu. Es kann mir ja doch keiner helfen und ich habe auch eigentlich gar keine Lust oder Kraft mehr mich zu erklären und zu rechtfertigen. Es würde doch nichts ändern und am Ende wäre ich wieder alleine. Enttäuscht von der Welt und einsam. Also versuche ich meine Gedanken so gut es geht zu verbergen.

Nur manchmal passiert es mir, dass meine Fassade bricht, dass ich einfach nicht mehr kann und mitten im Unterricht in Tränen ausbreche ohne es verhindern zu können. Die Lehrer schicken mich dann einfach vor die Tür, damit ich bloß nicht ihren Unterricht störe. Sie mochten mich ohnehin nur solange ich gute Noten schrieb. Sie sehen nicht mich, nur meine Leistung. Wer ich bin, was ich denke oder fühle ist scheiß egal. Es hat keinerlei Bedeutung. Ich bin egal…

In Gedanken bin ich bereits unzählige Male in die Tiefe gestürzt. Habe mich an den Rand der Mauer gestellt, mit dem Rücken zum Abgrund. Dann habe ich die Arme ausgebreitet und mich einfach nach hinten fallen lassen. Ich habe in den Himmel geblickt und zum ersten mal seit ich mich erinnern kann habe ich ein ehrliches Lächeln auf den Lippen und fühle mich glücklich.

Aber dann der Gedanke an den Aufprall. Die Angst vor dem Schmerz. Die grauenhaften Bilder in meinem Kopf, wie ich in einer Blutlache und mit verdrehten Gliedern auf den Schienen liege.

Und ich kann es nicht tun. Ich kann mich einfach nicht mehr bewegen. Nicht aufstehen. Ich bin wie gelähmt.

Ich denke an meine kleineren Geschwister. Wer würde sie beschützen? Wer würde sich zwischen meine Eltern stellen, wenn mein Vater wieder rumschreit. Wer würde meine Geschwister trösten, wenn sie heulend zu mir kommen, weil sie Angst vor unserem Vater haben? Wer würde ihm noch die Stirn bieten und ihm hin und wieder Widerworte geben? Es ist mir längst egal geworden, wenn ich dafür umso mehr bestraft werde. Immerhin bekommen es dann meine Geschwister nicht ab, sondern ich. Das ist mir immer noch lieber. Es zerreißt mir jedes Mal das Herz, wenn unser Vater die Kleinen anschreit, weil sie zu laut spielen.

Meistens gibt es gar keinen offensichtlichen Grund, warum mein Vater ausrastet. Was an einem Tag noch toll ist, kann am nächsten einen Anfall auslösen. Und dann der Alkohol. Er ist Pegeltrinker und cholerisch. Auch wenn er das niemals zugeben würde. Ich habe gelernt innerhalb von Bruchteilen einer Sekunde einzuschätzen, wie groß die Gefahr ist und nach Möglichkeit meine Geschwister aus der Schusslinie zu befördern und möglichst unsichtbar zu sein. Aber er ist so unberechenbar, dass es mir nicht immer gelingt. Erst letzte Woche hat mein Bruder seinen Küchendienst nicht ordentlich genug gemacht und unser Vater hat geschrien, ihn zu Boden geschlagen und noch hinterher getreten, als er bereits unter dem „Kindertisch“ lag. Die Szenerie wiederholt sich immer wieder in meinem Kopf. Meine Mutter, die wortlos und starr daneben steht und nichts tut. Ich schreie mit Tränenüberströmtem Gesicht unseren Vater an er soll aufhören! Dann renne ich in mein Zimmer und knalle die Tür hinter mir zu.

Tatsächlich kommt körperliche Gewalt eher selten vor. Mein Vater ist so autoritär, dass er es in der Regel gar nicht braucht, da ohnehin alle so große Angst vor ihm haben, dass sie lieber tun, was er sagt.

Manipulationen, Psychoterror und uns gegeneinander ausspielen, damit wir uns nicht irgendwann zusammentun ist ohnehin viel mehr seine Stärke. Wie ich diese Machtkämpfe und Psychospielchen hasse – wobei ich vieles auch erst Jahre später verstehen sollte.

Ich denke bei 90% der Streitereien mit meiner nächsten Schwester, haben direkt oder indirekt unser Vater etwas damit zu tun.

Nachdem unser Vater mit meinem Bruder fertig ist und sich die ganze Situation wieder etwas beruhigt hat, kommt meine Mutter ins Zimmer um mich zu meinem Vater zu zitieren. Ich weiß, was mich erwartet und es ist mir egal. Ich konnte einfach nicht still daneben stehen. Es ist mir egal, welche Strafe er sich diesmal ausgedacht hat. Ohnehin ist mir mein eigenes Leben schon lange egal. Es hat keinen Wert mehr für mich. Ich habe mich selber längst aufgegeben. Ich bin unfähig Freude zu empfinden. Ich habe verlernt zu lachen und frage mich manchmal, ob man tatsächlich wieder verlernen kann, wie man spricht, wenn man meistens schweigt und kaum noch mit jemandem redet? Das einzige, was mich noch am Leben hält, ist die Sorge um meine Geschwister.

Wenn ich mich nun doch endlich von der Brücke stürze, was würde aus ihnen werden? Würde überhaupt einer bemerken, dass ich nicht mehr da bin? Würde es jemanden interessieren oder überhaupt einen Unterschied machen? Ich bin davon überzeugt, dass es meinen Eltern und Mitschülern völlig egal wäre. Besser noch, sie wären froh, mich endich los zu sein und nur zu gerne würde ich ihnen dieses Gefallen tun. Wirklich gerne! Aber ich kann nicht.

Wenn ich nicht mehr da wäre und mein Vater nicht mehr zu mir ins Bett kommen kann, wäre dann als nächstes meine Schwester dran? Ich möchte den Gedanken nicht einmal zuende denken, so schlecht wird mir dabei. Für mich ist es längst egal. Es ist einfach zu spät. Mir kann keiner mehr helfen. Ich habe mich selber aufgegeben und lasse es irgendwie über mich ergehen, während ich mir wünsche, tot zu sein, damit es endlich aufhört. Aber ich kann den Gedanken nicht ertragen, dass er dann zu meiner Schwester ins Bett geht und sie auch noch anfasst. Vielleicht ist es für sie noch nicht zu spät und die Welt noch nicht schwarz und kalt geworden. Ich hoffe es jedenfalls und darf es nicht zulassen. Nur wie kann ich es verhindern? Bisher habe ich zumindest das Gefühl, dass ich unserem Vater ausreiche und meine Schwester somit halbwegs sicher ist…

Mir ist längst klar geworden, dass ich heute nicht von der Brücke springe. Aber irgendetwas muss ich tun. Irgendwie muss ich den Druck in mir loswerden. Mechanisch öffne ich meinen Rucksack und hole ein kleines Täschchen hervor. Darin eines meiner Skalpelle, die ich angeblich zum basteln benötige und eine Packung Taschentücher. Langsam ziehe ich die Spitze des Skalpels über mein Handgelenk und es bildet sich eine rote Linie auf der langsam Tropfen entstehen, die dann um mein Handgelenk herum von der Brücke in die Tiefe tropfen. Endlich ist Ruhe in meinem Kopf. Die Gedanken verstummen. Es tut so gut und schon ist da eine zweite und dritte Linie. Kurz denke ich, dass ich mir einfach die Pulsadern aufschneiden könnte, aber dafür brennen die Linien zu doll und ich gebe es auf. Einen Moment noch sehen ich zu, wie mein Blut Tropfen für Tropfen fällt und werde dabei ganz ruhig. Ich lege ein Taschentuch auf die Schnitte und ziehe mein Schweißband darüber, damit man es nicht mehr sieht.

Jetzt geht es mir besser und ich schaffe es nach hause zu gehen. Um nichts essen zu müssen und mein zuspät kommen zu erklären erzähle ich meiner Mutter ich hätte mir in der Stadt was beim Bäcker geholt. (Wird ihr jemals auffallen, dass mein Taschengeld niemals dafür ausreicht, so oft wie ich ihr diese oder ähnliche Lügen erzähle?)

Aber immerhin habe ich jetzt wieder etwas mehr Kraft um weiter zu existieren… Vorerst…

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