Tagungsbericht

Mit Suizidgedanken leben?

Suizidalität und Selbsthilfe

Alle 53 Minuten nimmt sich ein Mensch in Deutschland das Leben. Alle 4 Minuten, schätzen Fachleute, versucht es jemand. Die Dunkelziffer ist noch höher. Das heißt: Jährlich überleben weit über 100.000 Menschen einen Suizidversuch.

Trotz des immensen Erfahrungswissens werden die Überlebenden weitestgehend aus Forschungen, Medien und Fachverbänden heraus gehalten.

Aus diesem Grund haben Betroffene am 13. April in Gießen ihre eigene Fachtagung mit dem Titel „Mit Suizidgedanken leben: Suizidalität und Selbsthilfe“ abgehalten. Es war die erste Tagung zum Thema Suizidalität, die ausschließlich von Betroffenen organisiert wurde. Die Tagung war der vorläufige Höhepunkt eines 12monatigen Selbsthilfeprojekts des Bundesverbandes Psychiatrie-Erfahrener e.V., gefördert durch die Barmer Ersatzkasse. Die ca. 80 Besucher*innen hatten Gelegenheit, in verschiedenen Formaten mit Referent*innen unterschiedlicher Betroffenheitsperspektiven zu diskutieren.

„In der Selbsthilfe erleben wir, welche Kraft das Teilen persönlicher Erfahrungen und Geschichten hat. Es ist im Gegensatz zu unseren Psychiatrie-Erfahrungen ein stärkender, ermutigender Austausch, den es auch beim Thema Suizidalität bräuchte“, sagt Mitorganisatorin Kristina
Dernbach.  Aus diesem Grund seien thematische Selbsthilfegruppen für suizidale Menschen nötig, die es bislang bundesweit noch nicht gibt. „Es ist wichtig, dieses Thema nicht den professionell Tätigen zu überlassen, weil die Antworten, die die Psychiatrie uns auf unsere Krisen gegeben
hat, oft dazu geführt haben, dass wir uns noch weiter vom Leben entfernen“, sagt Saskia. Der Australier David Webb, der als erster Suizidüberlebender seine Doktorarbeit über Suizid geschrieben hat, richtet sich in einer Videobotschaft an die Besucher*innen: „Die eigentliche suizidale Person ist in der sogenannten Expertenliteratur nicht vorhanden, nahezu unsichtbar. Aber für ein besseres Verständnis von Suizid und Suizidprävention ist die Betroffenperpektive der
Überlebenden essentiell.“

„Es muss sich etwas ändern! Es braucht Alternativen zum System, in dem Menschen mit Suizidalität durch die Raster fallen!“, meint Leilani Engel, die mit 17 Jahren zum ersten Mal nach einem Suizidversuch in der Erwachsenenpsychiatrie landete.

Stefan Lange versuchte sich als junger Mann umzubringen. Heute ermutigt er Menschen durch seine YouTube Serie „Komm, lieber Tod“, am Leben zu bleiben.

Prof. em. Dr. med. Konrad Michel hielt einen Vortrag über seine Suizidforschungen in dessen Mittelpunkt das empathische narrative Interview steht. Darin erzählen Betroffene, warum sie versucht haben, ihrem Leben ein Ende zu bereiten.

An der „Klagemauer“, wo jede*r Teilnehmer*in auf einem Zettel formulieren konnte, was für ihn*sie persönlich schlimm ist im Umgang mit Suizidalität, fanden sich folgende Statements:
„Suizid ist der Spiegel in den die Gesellschaft nicht blicken will, weil sie darin ihre Schattenseiten erkennen müsste.“ – schrieb Jan.

„Über den Tod spricht kaum jemand, er ist nicht willkommen in unserer Kultur. So sind die, die nach ihm suchen und Ausschau halten, ebensowenig willkommen. Der Tod gehört zurück in die Gesellschaft und mit ihm auch, darüber zu sprechen, auch über Suizid.“,

„Sprachzensur/ Verbot im Thema Suizidalität“,

„Wieso gibt es in diesem kranken Gesundheitssystem kein Aufbegehren seitens der Ärzte? Pharmaindustrie allmächtig?“,
„Selbst- und Fremdgefährdung als Rechtfertigung für Zwang und Gewalt, benannt als  Hilfe. Definitions- Willkür!“,
„Dass es nur Selbsthilfegruppen für „Angehörige“ von Menschen, die sich das Leben nehmen, gibt. Suizidalität aus der Selbsthilfe ausgeklammert wird.“,
„So lange Du funktionierst fragt auch keiner wie es dir geht. Die Angst dich zu offenbaren ist auch die Angst in Gewahrsam genommen zu werden. §10“ oder
„Zuerst war ich schockiert und traurig… heute kann ich dich verstehen!“

Die Tagung hat gezeigt, wie wichtig es ist, ins Gespräch zu kommen und dieses Thema in den öffentlichen Raum zu holen.

Es werden eine Videodokumentation und ein Tagungsband erstellt.

Haben Sie Interesse an einem Interview zur Thematik?
Wir stehen Ihnen unter 01522 – 6042058 zur Verfügung.


Weitere Infos unter: http://suizidgedanken.net/
Email: suizidgedanken@bpe-online.de

Viele Grüße,
das Projektteam
(Kristina, Saskia und Leilani)

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