„In zwei Jahren bist Du 16, dann schicken wir Dich auf die Hauptschule, dann sind wir Dich los!“

„In zwei Jahren bist du 16, dann schicken wir Dich auf die Hauptschule, dann sind wir Dich los!“

Als ihr Vater diesen Satz zu ihr sagte, dachte Lila, dass das nicht stimmt, denn sie war erst 13 ½ Jahre alt. Aber sie dachte sich auch, wenn er mich loswerden will, dann kann er das gleich haben!

Wütend verließen ihre Eltern ihr Zimmer. Der Auslöser war, dass sie noch eine Versammlung bei den Pfadfindern hatte und ihre Schwester das nicht weitergesagt hatte. Daher hatten ihre Mutter und ihre beste Freundin Amy bereits den Feldweg nach ihr abgesucht, da sie auch noch mit Amy verabredet und zu spät dran war, da die Versammlung länger gedauert hatte… Da ihre Eltern jedoch verboten, dass sie Handys haben durften, konnte sie von Unterwegs auch nicht mehr Bescheid sagen.

Es gab schrecklich Ärger als sie ahnungslos nach Hause kam und sich auf den Weg zu Amy machen wollte. Unter anderem sagte ihr Vater diesen Satz, der sie tief verletzte: „In zwei Jahren bist Du 16, dann schicken wir Dich auf die Hauptschule, dann sind wir Dich los!“

Nachdem ihre Eltern gegangen war, stand Lila ganz alleine und verlassen in ihrem Zimmer. Und genau so fühlte sie sich auch! Wie so oft. Einsam und verlassen. Ungewollt und ungeliebt. Und während ihr noch die Tränen über das Gesicht rannen, fasste sie einen Entschluss. Sie würde gehen! Sie hielt es hier nicht mehr aus. Sie wollte in den Wald gehen und nie wieder zurück kommen. Entweder sie würde irgendwie überleben oder eben nicht, das war ihr in dem Moment auch ziemlich egal.

Ihre Eltern durften nichts merken, daher konnte sie nicht einfach zur Tür rausgehen. Sie konnte auch nicht durch den Flur und ihre Winterstiefel holen. Draußen lagen noch Schneereste und es regnete. Sie durchsuchte ihr Zimmer nach Jacken und Schuhen und warf alles in der Mitte des Zimmers auf einen Haufen um zu gucken, ob etwas Brauchbares dabei war.

Irgendwann kam ihre Mutter nochmal in ihr Zimmer und fragte sie irgendetwas. Sie hatte Panik. Ihr Herz schlug bis zum Hals und sie konnte das Pochen fühlen und hören. Wenn ihre Mutter den Jackenberg entdecken und Fragen stellen würde, wusste sie nicht, was sie sagen sollte, das würde auf jeden Fall noch mehr Ärger geben! Glücklicherweise war ihr Zimmer relativ unordentlich so, dass ihre Mutter nichts bemerkte und einfach wieder ging.

Lila kam ins Zweifeln, ob ihr Plan wirklich richtig war. Aber sie konnte nicht mehr. Sie hielt es einfach nicht mehr aus. Sie wollte nicht länger dort bleiben. Nicht bei ihrem Vater, vor dem sie Angst hatte, seit sie denken konnte. Nicht bei der Mutter, die ignorant und kalt war und ohne eigene Meinung alles unterstützte, was der Vater tat. Die zu feige und zu schwach war, ihre Kinder zu schützen. Die selbst bei den nächtlichen Besuchen ihres Vaters in ihrem Bett einfach zu- bzw. wegsah! Oder den Alkoholkonsum und die cholerischen Ausbrüche negierte…

Irgendwo fand sie ein paar Schuhe. Nicht wirklich für das Wetter geeignet, aber sie hatte keine besseren zur Hand.

Sie schrieb noch ein Schild: „Wenn Du mich loswerden willst, kannst Du das auch gleich haben!“, und platzierte es auf ihrem Bett. Dann zog sie sich möglichst viele Schichten an und stieg durch ihr Fenster nach draußen.

Ihre Eltern und Geschwister saßen längst im Wohnzimmer und schauten einen Film. Sie merkten nichts von Lilas Verschwinden…

Es war bereits dunkel und nach 22Uhr. Lila lief durch den Regen und die dunklen Straßen in Richtung Wald. Sie mochte Regen, denn dann sah keiner ihre Tränen, wobei zu der Zeit bei dem Wetter ohnehin kaum jemand draußen war.

Das Mädchen dachte ihre Eltern hätten ihr Verschwinden inzwischen bemerkt und die Polizei würde längst nach ihr suchen. Daher versteckte sie sich vor jedem Auto und Fußgänger. Auf einer Straße kurz bevor sie den Waldrand erreichte, kam ihr ein Mann entgegen. Lila bekam Angst. Sie hatte schon lange Angst vor allen Männern. Ihr Vater warnte sie immer wieder: „Männer wollen nur das EINE!“, und in solchen Situationen spukten dann immer Vergewaltigungsphantasien durch ihren Kopf. Lila bog spontan in eine Seitenstraße ab und legte sich hinter dem nächsten etwas größeren Baum in den Schnee und hoffte, dass sie so von der Straße aus für den Mann nicht zu sehen wäre. Als der Mann dann suchend in die Straße blickte, hielt sie ihren Atem an. Ihr Herz pochte verräterisch laut und sie hatte Angst, dass er es hören könnte. Sie sah, wie der Mann irritiert den Kopf schüttelte, als dachte er, er hätte sie sich nur eingebildet. Dann verschwand er wieder in die Richtung, aus der er gekommen war.

Lila blieb noch eine ganze Weile im Regen und Schneematsch liegen und stellte sich vor, wie es wäre einfach dort zu erfrieren. Erneut kamen ihr Zweifel und es fehlte ihr der Mut, in den Wald zu gehen. Sie war inzwischen ziemlich durchgefroren und hatte Angst. Angst, dass ihr noch jemand begegnen könnte. Angst vor dem dunklen Wald, den sie bereits vor sich sah. Angst vor irgendwelchen Tieren. Angst nichts zu Essen zu finden und zu verhungern. Angst, tatsächlich zu erfrieren…

Irgendwann entschied sie sich, doch noch zu Amy zu gehen, die nicht mehr allzu weit entfernt wohnte. Sie waren ja ursprünglich verabredet gewesen, daher wusste sie, dass Amy sturmfrei hatte. Also machte sich Lila auf den Weg zu ihr. Sie machte jedoch einen Umweg, aus Angst, dass die Polizei sie sonst finden und zu ihren Eltern zurückbringen könnte. Sie mied alle Straßen und lief dicht hinter dem Gebüsch durch die Felder. Immer wieder versank sie in dem dicken Matsch und ihre Füße waren längst nass und kalt.

Bei jedem Auto, das Lila aus der Ferne auf der Landstraße entdeckte, stieg Panik in ihr auf und sie hockte sich hinter die Büsche in den Matsch. Auf diese Weise dauerte der Weg etwas länger und es kam ihr wie eine Ewigkeit vor.

Doch schließlich erreichte sie das Haus von Amy. Das Auto von Amys Eltern war noch weg. Im Wohnzimmer brannte Licht und Amy saß auf dem Sofa und guckte fern. Leise klopfte Lila gegen das Fenster und Amy sah sie irritiert an. Sie bedeutete Lila zur Tür zu kommen und ließ sie rein. Amy fragte, ob Lilas Eltern doch noch erlaubt hätten, dass sie bei ihr übernachtet. Lila war durchgefroren, durchnässt und voller Matsch. Sie brach auch direkt wieder in Tränen aus und schüttelte den Kopf.

Nachdem Lila die dreckigen Sachen ausgezogen hatte, setzten sie sich ins Wohnzimmer, wo es etwas wärmer war. Und dann erzählte sie Amy, was passiert war und was ihr Vater zu ihr gesagt hatte.

Sie war fast am Ende ihrer Erzählung, als Amys Eltern nach Hause kamen. Sie sahen die beiden Mädchen auf dem Sofa sitzen und fragten, ob alles OK ist und ob sie einen schönen Abend gehabt haben.

Amy und Lila erklärten Amys Eltern die Situation. Diese waren schockiert und wütend über Lilas Vater, mit dem sie noch nie gut klar kamen. Amys Mutter meinte, dass sie trotz allem Lilas Eltern anrufen müsste um ihnen zu sagen, dass Lila bei ihnen ist, da die sich bestimmt schon Sorgen machen würden. Sie wollte aber auch fragen, ob Lila bei ihnen übernachten darf, damit sich alles erstmal beruhigen konnte.

Lilas Eltern waren noch am Film gucken und hatten nicht einmal bemerkt, dass sie abgehauen war. Der Vater bestand darauf, dass die Mutter sie sofort abholt, da Lila für ihr Verhalten nicht auch noch belohnt werden sollte und bei Amy übernachten dürfte, was sie ja vorher verboten hatten.

Lila hatte Panik vor der Begegnung mit ihren Eltern und bereute es zu Amy gegangen zu sein. Amy und ihre Mutter versuchten sie zu beruhigen und meinten, dass ihre Eltern sie doch trotz allem lieben würden. Lila bezweifelte da, behielt dies aber lieber für sich. Sie wünschte sich, den Mut gehabt zu haben, einfach im Wald verschwunden zu sein. Dann müsste sie nie wieder zu ihrem Vater zurück.

Amys Eltern tat das alles total leid, aber die Entscheidung lag nicht bei ihnen. Kurz danach stand Lilas Mutter vor der Tür und nahm Lila mit.

Während der Autofahrt machte sie sich ein bisschen lustig über Lilas übertriebene Angst vor dem Vater und meinte, dass sie sich das selber eingebrockt hatte und da jetzt durch müsse und ihr Vater zu Recht sauer auf sie wäre.

Lilas Vater schickte sie sofort in ihr Zimmer. Dann guckte er mit den anderen noch den Film zu Ende. Lila lag bereits im Bett, als der Film vorbei war und der Vater wutentbrannt in ihr Zimmer stürmte. Er schrie sie an: „Du hast mein Vertrauen missbraucht! Ich kann Dir nie wieder vertrauen!“ Es folgte ein für Lila gefühlt ewiger Wutschwall mit allen möglichen Vorwürfen. Er wollte sie in ihrem Zimmer einschließen, was ihm jedoch in seiner Wut nicht gelang. Er war zu aufgebracht um den Schlüssel in das Schlüsselloch zu bekommen und herum zu drehen, was ihn noch wütender machte. Er ließ dann von dem Plan sie einzuschließen ab, da das ja auch nicht ginge, falls sie in der Nacht auf die Toilette müsse.

Er knallte die Tür zu und verschwand, um ein paar Minuten später erneut herein zu platzen und sie anzuschreien.

Lila war drauf und dran erneut durch ihr Zimmerfenster zu steigen und für immer zu verschwinden. Aber sie hatte zu große Angst, dass die Polizei sie doch irgendwann zurückbringen würde und alles nur noch schlimmer würde, als es ohnehin schon war. Außerdem hatte sie keine Ahnung, wo sie hätte hingehen sollen…

Lila hatte sich nie wieder getraut wegzulaufen.

Nur Nachts, wenn sie wie immer nicht schlafen konnte und sicher war, dass alle anderen längst schliefen, stieg sie aus ihrem Fenster. Sie brauchte es einfach. Sie lief dann Barfuß durch Dornen oder Schnee. Verwischte auf dem Rückweg ihre Fußspuren vor dem Fenster mit einem Zweig. Manchmal blieb sie einfach im Garten und weinte, bis sie halb erfroren war um sich dann zum auftauen in ihre Bettdecke zu kuscheln und sich wie jede Nacht in den Schlaf zu weinen. Manchmal streunte sie aber auch durch die Straßen des Ortes, versteckte sich vor jedem Mensch und jedem Auto und stellte sich vor sie müsste nie wieder zurück. Bis sie sich so in ihre Panikattacken hineingesteigert hatte, dass sie sich in ihrem Zimmer wieder halbwegs sicher fühlen konnte.

Heute, 15 Jahre später fragt Lila sich manchmal, was gewesen wäre, wenn sie nur einmal den Mut gefunden hätte, ganz abzuhauen.

Hätte ihr jemand geholfen? Wäre ihr Leben erträglicher gewesen? Hätte die Polizei, wenn sie sie gefunden hätten, einfach wieder zurück gebracht oder hätten sie sie vor ihrem Vater geschützt. Nach allem, was sie heute weiß, befürchtet sie, dass ihr ohnehin niemand geglaubt hätte und es auch niemanden interessiert hätte. Dass Kindern selten geglaubt wird und Eltern machen dürfen, was sie wollen.

Die KriPo hatte ihr ja später auch nur vorgehalten sie würde lügen, was den Missbrauch anginge und sie sollte endlich zugeben, dass sie nur aus der Familie wollte und das deshalb behauptet hat… „In 80% der Fällen kommt am Ende eh raus, dass da nie etwas war.“, hielt ihr die empathielose Kommissarin in jeder Vernehmung wieder vor.

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