Recovery-Porn(ographie)

Vom Zwang, sagen zu müssen, was die Leute hören wollen, um überhaupt reden zu dürfen…

Willst du wahrgenommen und gehört werden, dann musst du schon erzählen, was die Leute hören wollen. Erzähl bloß nicht, wie es wirklich ist, denn die Wahrheit interessiert in diesem Land niemand.

Wenn du deine Geschichte erzählst, dann rede bloß nicht schlecht über andere. Erzähl keine negative Geschichte. Erfolgsgeschichten, die wollen die Menschen hören. Von Heilung und Genesung. Recovery! Wie du gestärkt aus deiner Krise hervorgegangen bist und daran gewachsen bist.

Geht es dir immer noch schlecht, dann sag das bloß nicht. Das ist kein gutes Zeugnis für die Helfer. Niemand kann sich damit rühmen, wenn es dir nach wie vor nicht gut geht. Also erzähl es nicht. „Sag, dass es dir heute gut geht, dank uns“ (sagen die Helfer). „Gib niemandem die Schuld“ (sagt das Umfeld, was dich in die Krise gebracht hat). „Man redet nicht schlecht über andere“ (sagen alle). „Die Schuld für deine Krise liegt bei dir selbst. Du warst nicht resilient genug! Wir haben nichts damit zu tun“ (sagen die, die dich verletzt haben).

(siehe auch: Sera Davidow, 2019 https://www.madinamerica.com/2019/03/recovery-porn/)

Erfolgreich kannst du nur werden, wenn du sagst, was gehört werden will. Also pass deine Geschichte an. Zeig keine Schwäche mehr. Dir geht es doch gut. Heute! Wir haben dich gesund gemacht. Wir haben dir geholfen. Aus deiner Krise, die eine böse Krankheit, völlig unbegründet, verursacht hat…

„Du kannst anderen nur Hoffnung geben, wenn du selber stabil bist!“

„Du musst dich erst um dich selber kümmern, bevor du anderen helfen kannst!“

Wie oft habe ich diese Sätze in den letzten Jahren gehört? Zeitweise habe ich sie sogar selber zumindest ansatzweise geglaubt. Inzwischen weiß ich, dass es nicht stimmt! Ich kann Menschen helfen und sie begleiten auch, wenn es mir selber nicht gut geht. Genau genommen ist dann die Verbindung noch stärker. Es entsteht eine tiefe, emotionale Verbundenheit. Ein gegenseitiges Verständnis, wie es niemals möglich wäre, wenn ich mich als „geheilt“ ansehen und irgendwie über den anderen stellen würde.

Es gibt so viele, die ihre Erfolgsgeschichte erzählen. Die von den Medien ausgeschlachtet werden und dann unter dem Druck, dieses Bild aufrecht erhalten zu müssen leiden. Ich weiß, wie viel Kraft es kostet, diese „hoffnungsvolle“ Rolle spielen zu müssen, wenn es in mir ganz anders aussieht. Es kostet mich Kraft, die ich eigentlich nicht habe. Kraft, die ich zum überleben bräuchte. Und dann breche ich wieder zusammen…

Auch heute ertappe ich mich immer wieder, wie ich in diese Rolle rutsche. Wie ich genau das tue, was ich nicht will. Ich versuche mich stark zu zeigen. Nur um gehört zu werden. Damit mir irgendwie zugetraut wird, dass ich anderen Menschen helfen kann. Ich verstecke mich in Gesprächen und verstecke mich hinter einer Maske, um anderen Menschen helfen zu dürfen. Um Ernst genommen zu werden. Ich komme immer wieder in die Rolle, gegenüber professionellen Helfern, des mich rechtfertigen müssens. Mich erklären müssens, warum und wieso ich Menschen helfen möchte. Und ob ich das überhaupt darf und wenn ja, zu welchen Bedingungen? Ich komme schnell in die Rolle, dass ich den Fachleuten ihre Ängste vor dem Thema Suizidalität nehmen soll. Dass ich Studien und Berichte und Statistiken zitiere.

Anerkannte Studien, Berichte und Statistiken, von studierten Experten, denn deren Wort zählt mehr als meins. Deren Meinung zählt allgemeinhin mehr, als die von Betroffenen selbst. Was mich extrem wütend und traurig macht…

Wenn ich diese Erfolgsgeschichten höre oder lese, dann geht es mir schlecht. Es geht mir schlecht, weil ich das Gefühl habe, ich mache etwas falsch. Ich bin falsch! Denn mir geht es seit Jahren der Therapien und Kliniken und Medikamente trotzdem nicht besser. Ich fühle mich wie eine Versagerin, denn offensichtlich liegt es an mir, die anderen schaffen es ja irgendwie. Nur bei mir klappt es halt einfach nicht. Mir geht es immer noch nicht gut. Der Schmerz ist immer noch da. Die Narben der Vergangenheit sind auch nach Jahren noch nicht abgeheilt…

Diese Erfolgsgeschichten entmutigen mich!

In den dunklen Phasen, die in meinem Leben immer wieder auftreten, höre ich depressive Musik. Ich gucke mir depressive Videos an. Lese depressive Bücher. Immer wieder bekomme ich zu hören, dass mir das nicht gut tun würde. Dass ich mich mit fröhlicheren Dingen befassen soll.

Aber doch, genau das tut es. Es tut mir gut! Ich brauche es! Um mich nicht ganz alleine zu fühlen. Um das Gefühl der Verbundenheit zu haben zu Menschen, denen es ebenfalls nicht gut geht. Die mich verstehen in einer pseudostrahlenden Sonnenscheinwelt in der ich mich wie eine Außerirdische fühle, wenn es mir nicht gut geht. Wenn ich daran denke, aufzugeben, weil der Schmerz sich so unerträglich anfühlt!

Wenn ich Lieder/ Filme/ Bücher von anderen über ihren Schmerz höre/ sehe/ lese, fühle ich mich nicht mehr ganz so einsam. Nicht mehr ganz so verloren. Nicht mehr ganz so außerirdisch…

In den Medien gibt es nur zwei Typen von suizidalen Menschen. Die, die tot sind und die, die die Krise überwunden haben und denen es nun gut geht und die wieder mit beiden Beinen mitten im Leben stehen.

Aber die allermeisten Betroffenen befinden sich irgendwo dazwischen. So wie ich…

Ich bin weder tot, noch geheilt. Mir geht es nicht super, aber ich atme noch. Und ich weiß, dass es vielen, vielen anderen genauso geht. Jährlich überleben mindestens 100.000 Menschen in Deutschland einen Suizidversuch und Millionen Menschen hatten in ihrem Leben schon einmal Suizidgedanken. Doch wir bleiben weitestgehend ungehört. Ungesehen. Und unser Erfahrungswissen unbeachtet und ungenutzt!

Das jüngste Beispiel für die Auswirkungen von Recovery-Porn ist der Suizid von Viktor Staudt. Er, der Mutmacher, der nach seinem Suizidversuch ins Leben zurück fand. Der schließlich richtig diagnostiziert und dementsprechend mit Therapien und Medikamenten behandelt und angeblich geheilt wurde.

Und nun ist er tot. Er hat den Druck nicht mehr ausgehalten und sich das Leben genommen.

„Möglicherweise habe ihn dieser unermüdliche Einsatz für andere erschöpft, erzählt sein Vater, wuchs ihm der Zuspruch über den Kopf. „Papa, ich bin so unendlich müde“, habe er am Telefon zu ihm gesagt, und dass er nach Hause wolle.“ (Aachener Zeitung 12.09.2019: https://www.aachener-zeitung.de/panorama/mutmacher-viktor-staudt-hat-seinen-mut-verloren_aid-45792735)

Viktor war ein großer Vertreter des Papageno-Effekts. Dass das wichtigste ist, darüber zu sprechen!

Jetzt schweigen sich die Medien über seinen Suizid aus.

Das macht mich unglaublich wütend und traurig.

Erst treiben sie ihn in den Suizid und dann schweigen sie. Lassen alle, für die er ein Vorbild war, mit ihrem Schmerz, ihrem Chaos, ihren Gefühlen alleine. Verdammen sie zum Schweigen. Zur Einsamkeit.

Viktor hat mein größtes Verständnis. Keiner hat die Kraft, die Rolle, die ihm auf den Leib geschrieben wurde, lange auszuhalten. Nun haben alle Angst, über seinen Suizid zu sprechen…

Mit wem konnte Viktor am Ende noch über seinen Schmerz sprechen? Wem konnte er sich noch anvertrauen, ohne die Rolle zu verraten, die er spielen musste? Mit wem kann man noch offen reden, wenn man selber ständig stark sein muss für die anderen?

Ich mache mir große Sorgen um die, die an ihn geglaubt haben. Denen er Hoffnung gegeben hat und für die er ein Vorbild war. Es tut mir Leid, dass ihr so alleine gelassen werdet…

Ich weiß, dass es nicht einfach ist und, dass es unglaublich schmerzhaft ist. Aber bitte bleibt am Leben. Denn nur wer lebt, kann seine Stimme erheben. Nur wer lebt, kann gehört werden…

Es ist ein Kampf. Tag für Tag. Ich kenne das. Und oft scheint es ausweglos und unerträglich. Aber bitte gebt nicht auf. Ihr seid wertvoll. Jeder eigene von euch. Jeder Einzelne hat seine eigene Geschichte, auf derer eure Suizidgedanken einen Sinn ergeben. Eine Geschichte, die erzählt und gehört werden will.

Ich wünsche mir und euch, dass es mehr Menschen gibt, die bereit sind, einfach einmal innezuhalten und zuzuhören. Die den Mut haben, sie sich anzuhören. Die den Mut haben, sie mit uns gemeinsam auszuhalten.

Es ist nicht unsere Schuld. Wir sind keine Monster! Wir sind nicht ansteckend und keiner braucht Angst vor uns zu haben.

Wir hatten vielleicht einfach keine einfache Lebensgeschichte…

Der Schmerz geht nicht weg, wenn er ignoriert wird!

Die Verzweiflung verschwindet nicht, wenn ihr uns einsperrt und uns noch mehr Gewalt antut.

Wir lernen höchstens daraus und fangen an zu schweigen. Fangen an alles in uns hinein zu fressen und mit uns selber auszumachen. Und dann frisst es uns von Innen auf.

Wir brauchen einen Raum, wo wir offen reden dürfen, ohne Gewalt befürchten zu müssen.

Recoverygeschichten sind gefährlich.

Erfolgsgeschichten sind tödlich!

Für beide Betroffenenseiten. Die, die sie erzählen müssen, wenn sie sich nicht so fühlen, leiden darunter, nicht ehrlich sagen zu dürfen, wie es ist. Und die, die sie hören, zweifeln oftmals an sich selber, warum es bei ihnen einfach nicht funktioniert. Warum es ihnen einfach nicht besser gehen will…

Sie dienen nur den Angehörigen und Professionellen zur Unterhaltung. Um sich besser zu fühlen. Sich freizusprechen von ihrer Beteiligung am Leid anderer. Als Werbung für ihre Behandlung…

6 Kommentare zu „Recovery-Porn(ographie)

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