Wie es mir geht…

“Wie geht es dir?“, eine der weitverbreitesten Floskeln.

“Gut. Und dir?“, eine der häufigsten Lügen. Aber es ist einfacher. Einfacher als zu erklären, dass es mir nicht gut geht. Und mal ehrlich. Wer will das schon hören? Jeder fragt die Frage, doch kaum einer hört hin. Hört auf die Antwort. Auf das, was ich sage. Und ich? Ich bin müde vom erklären.

“Wie geht es dir?“, fragst du…

“Es ging einigermaßen, bis du gefragt hast.“, denke ich, aber dann fing ich an darüber nachzudenken, wie es mir geht. Mir kommen hundert Antworten in den Sinn. Ich denke an all die Tränen, die ich weine. Nachts, wenn mich keiner sieht. Wenn ich mir das Lächeln aus dem Gesicht wischen kann, ohne schief angeguckt zu werden. Ohne etwas erklären zu müssen. Wenn ich ehrlich sein kann, ohne jemandem etwas vorzuspielen.

Ich denke an die Kriege, daran, dass Deutschland Waffen exportiert. Und die, die dann vor dem Tod durch die Waffen fliehen, wieder abgeschoben werden.

Ich denke daran, wie viele tausende Menschen jährlich auf der Flucht ertrinken, weil es nur wenige interessiert. Weil die Politik diejenigen, die helfen auch noch bestraft. Weil zu viele einfach wegsehen, zu abgestumpft von all den Grausamkeiten, dass solch tägliche Lapalien sie kaum noch berühr‘n.

Ich denke an all die hungernden, verhungernden Menschen. Die tausende von toten Kindern. Weil wir zu stolz sind, zu habgierig um zu teilen, denn dann wären alle Menschen genügend versorgt. Stattdessen ziehen wir es vor im Luxus zu leben und Essen wegzuwerfen. Die Müllkontainer werden abgeschlossen, und die Nahrungsmittelbeschaffung aus Müll wird auch noch bestraft, damit es auch hierzulande genügend Hungernde gibt!

Ich denke an all die Perversion der Fleischproduktion. An all die Tiere, die leiden! “Ein bisschen Milch tut doch niemandem weh!“ “Doch, die Kuh wird künstlich befruchtet, damit sie überhaupt Milch produziert. Für ihr Kälbchen. Doch das wird ihr gleich nach der Geburt entrissen und geschlachtet. Das Kalbsfleisch ist doch so zart. Außerdem brauchen wir die Milch, die der menschliche Körper eigentlich gar nicht so gut verträgt! Die Kuh muss leiden, dass Kälbchen musste sterben, damit du Milch trinken kannst! Aber richtig. DIR tut es nicht weh!“

Ich denke daran, dass die Menschheit sich selber zugrunde richtet. Und dass es den meisten egal ist, da sie lieber bequem in ihrer Komfortzone sitzen, als einmal aufzustehen und etwas dagegen zu tun. Wie sie schweigend, billigend dabei zusehen, wenn Menschen misshandelt werden, denn es geht sie ja nichts an…

Mir kommt mal wieder der Gedanke, dass ich Menschen hasse. Es gibt auf dieser Welt kein grausameres Wesen, als den Mensch! Und dann nennen wir uns zivilisiert.

Ich denke an jedes fünfte Kind, das in Deutschland missbraucht wird. Daran, dass es verdammt ist zum Schweigen. Dass ihm keiner glauben wird. Ihm niemand helfen wird, denn sexueller Missbrauch ist das sicherste Verbrechen und wird von der Politik quasi toleriert. Aber wehe du machst eine Raubkopie oder klaust Essen aus Containern, dann wirst du für Jahre weggesperrt!

Ich denke an unsere kaputte Gesellschaft, wo immer alle lachen sollen. Sagen sollen, dass es ihnen gut geht. Und Menschen, die nicht so funktionieren geächtet werden.

Menschen, wie ich!

Ich denke an die über 6,5 Millionen Menschen in Deutschland, die Suizidgedanken kennen. Die 100 – 200.000, die jährlich einen Suizidversuch überleben. Ich denke an die 10.000 Menschen, die es jährlich schaffen, sich aus dem Leben zu befördern, weil sie den Schmerz nicht mehr ertragen. Und ein Teil von mir beneidet sie dafür…

Deshalb kämpfe ich für Aufklärung. Bin in der Selbsthilfe aktiv und höre Menschen zu, die Suizidgedanken haben, damit sie es möglichst nicht tun.

Mich belasten nicht ihre Geschichten. Nicht das, was sie getan oder erlebt haben. Mich belastet weniger das, was sie mir sagen, als wie mit ihnen umgegangen wird. Wie ihr Umfeld reagiert. Wie Ärzte sie behandeln und wenn mir wieder jemand erzählt, dass er bei der Telefonseelsorge rausgeschmissen wurde wegen seiner Suizidalität… Wie kann man nur so bekloppt sein? So kalt und ignorant? Wie viele Leben wird das schon gekostet haben?

Es macht mich jedes mal hilflos und ohnmächtig. Wütend und traurig.

Ich kann niemandem, der vergewaltigt wurde guten Gewissens sagen, sie solle zur Polizei gehen, denn ich weiß, was dann folgt. Welche Tortur! Ich habe es selber jahrelang erlebt. All die Vernehmungen unter Androhung von Geld- oder Gefängnisstrafen… Ich weiß, wie man behandelt wird, einem nicht geglaubt wird. “Unwahrhypothese“ heißt das im Fachjargon. Mein Vater wurde nicht ein einziges Mal verhört…

Ich kann niemandem mit Suizidgedanken sagen, hol dir professionelle Hilfe oder geh in die Klinik. Denn auch da weiß ich, wie man behandelt wird. Dass es nicht hilft und all die Gewalt die Suizidgefahr nur noch erhöht.

Ich bin traurig, was ich da so erfahre. Traurig darüber, wie dankbar diese Menschen sind, weil da endlich jemand ist, der einfach zuhört ohne sie zu verurteilen. Der sich Zeit nimmt zuzuhören und der sie versteht. Das sollte so selbstverständlich sein! Aber viele machen diese Erfahrung zum ersten mal in ihrem Leben…

Stattdessen höre ich, wie sich alle aufregen, wenn “ein Personenschaden“ die Zugfahrt verzögert.

Ich höre die Angehörigen und Profis, die die Suizidprävention definieren. Die im Sinne ihrer Katharsis, sich und die Gesellschaft aus jeglicher Verantwortung ziehen. Denn angeblich ist Suizid ein individuelles Problem. Ein Problem von psychischen Erkrankungen, die aus heiterem Himmel auf die Betroffenen herab regnen. Man sollte gleich Resilienz erwerben, damit einem das nicht auch passiert! Am besten schon vor der Geburt, damit dir das Leben nichts anhaben kann. Mit den Umständen und dem Umfeld hat das alles nichts zu tun, du bist Schuld, wenn du daran zerbrichst, weil du nicht resilient genug warst.

Ich habe noch keinen suizidalen Menschen getroffen, der eine einfache Vergangenheit hatte. Wo die Gedanken einfach so kamen. Die haben immer eine Geschichte! Und hört man den Menschen zu, dann machen die Gedanken durchaus Sinn…

Ich bin traurig, weil in unserer Gesellschaft Macht und Geld wichtiger ist als die Wahrheit. Weil es wichtiger ist, als Leben.

Ich denke an all die geplagten Seelen.

Die Menschen hierzulande in der Zwangsprostitution. Die, die zwangsverheiratet werden oder zwangsbehandelt, weil irgendwelche Richter und Ärzte sich dass Recht heraus nehmen zu sagen, sie wären gestört.

In Deutschland ist Folter legal, sobald du den Stempel psychisch krank hast. Doch hierzulande interessiert das auch niemanden mehr, nur die EU diskutiert und schüttelt den Kopf über unsere Praktiken, in der verzweifelte Menschen abgeschoben und gefoltert werden. Weggesperrt und fixiert. Weggespritzt, damit sie keine Arbeit mehr machen, damit sich keiner mit ihnen befassen muss.

Denn würde man das tun. Würde man ihnen zuhören, dann müsste man merken, hier läuft so einiges schief. Man müsste gar sein eigenes Tun und Handeln hinterfragen…

Ich stehe vor dir, du wartest noch auf meine Antwort. Ich kann dir all das nicht erklären, du würdest es nicht verstehen, für dich ist so weit weg.

Doch ich. Ich bin eine von ihnen! Eine von den 6,5 Millionen, die Suizidgedanken kennen…

Ich blinzel meine Tränen weg. Bringe ein Lächeln auf meine Lippen und antworte nur: “Gut. Und dir?“

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