Alptraum vom verstanden werden

Ich werde gejagt. Es sind viele… Sie schießen auf mich und ich renne so schnell ich kann. Ich renne und renne und renne…

Wir sind irgendwo im Wald und ich stolpere immer wieder über irgendwelches Geäst. Muss aufpassen, dass ich nicht gegen einen Baum renne, wenn ich zurück zu meinen Verfolgern blicke.

Herunterhängende Äste oder irgendwelches Gestrüpp zerkratzen mir Arme und Gesicht…

Ich halte ein Messer in der Hand. Meine einzige Waffe. Meine einzige Chance, auch wenn es dafür eigentlich zu viele sind, als dass man es als ernsthafte Chance anerkennen könnte…

Ich verstecke mich hinter einem Baum. Alles ist nicht mehr ganz so schnell, meine Verfolger werden langsamer, suchen mich. Einer ist ganz in der Nähe.

Er kommt um den Baum hinter dem ich stehe und ich steche mit aller Kraft, die ich noch aufbringen kann, mit dem Messer zu.

Von der Wucht meines Stoßes und dem fehlenden Widerstand, stolpere ich drei Schritte nach Vorne, direkt durch meinen Gegner hindurch.

Hinter mir ertönt sein Lachen. Und um mich herum ertönt noch mehr Gelächter…

Meine dunkle Vorahnung hat sich bestätigt. Ich bin mal wieder die einzige in diesem bizarren Spiel, die verwundbar ist. Meine Gegner hingegen unbesiegbar. Ich habe keine Chance.

Trotzdem renne ich erneut los. Es ertönt ein Schuss.

Ich werde getroffen. Noch ein Schuss. Noch ein Treffer. Ich gehe zu Boden.

Ich rappel mich wieder auf. Laufe. Renne wieder los.

Noch mehr Schüsse fallen. Der eine oder andere trifft mich, ich nehme den Schmerz kaum noch wahr. Spüre das Blut und das Adrenalin in meinen Adern.

Ich renne schneller, schneller als meine Gegner, die immer noch laut lachend irgendwo hinter mir sind. Ihr hämisches, schadenfrohes Gelächter hallt wider in meinem Kopf.

Ich habe sie etwas abgehängt und finde eine versteckte Holzhütte. Ein willkommenes Versteck, um kurz wieder zu Atem zu kommen. Einmal wieder durchatmen.

Ich kauere mich in die Ecke der Hütte auf den Boden und denke nach. Mir ist klar, dass ich Hilfe brauche. Dass die Wunden versorgt werden müssen. Ich habe Angst. Angst vor dem Moment, wo die Schmerzen eintreten…

Die Stimmen und das Gelächter rücken näher, ich muss weiter. Weiter rennen. Weiter fliehen. Ich brauche ein Krankenhaus.

Ich renne und renne und renne. Kugeln zerschneiden die Luft.

Blutend, dreckig und am Ende meiner Kräfte erreiche ich die Stadt.

Ich renne direkt durch bis zum Krankenhaus.

Völlig außer Atem komme ich dort an und stehe planlos da. „Ich brauche Hilfe…“, sage ich leise und erschöpft zu irgendeiner Schwester.

„So können Sie hier aber nicht rumlaufen! Ziehen Sie sich erst einmal ein sauberes Shirt an…“

„Es tut mir leid, ich habe nichts anderes dabei…“, entschuldige ich mich bei ihr, während der Raum um mich herum anfängt sich zu drehen und alles verschwimmt. Ich falle. Es wird schwarz.

Ich wache auf. Atemlos, verwirrt und starr vor Angst liege ich im Bett und weiß nicht, wo ich bin… Wer ich bin… ich brauche eine Weile um mich zu orientieren und mich wieder halbwegs sicher zu fühlen…

Leider ist dieser Traum gar nicht so absurd, wie er im ersten Moment klingt. Ich träume ihn nicht immer wieder ganz ohne Grund.

Denn so verstanden fühle ich mich oft im Krankenhaus…

So freundlich, wie die Schwester sind tatsächlich viele Chirurgen, die mich wieder zusammenflicken sollen.

So wahrgenommen in meinem Schmerz und dem Gefühl zu sterben, fühle ich mich oft.

So abgelehnt und abgewertet. Abgestempelt, schubladisiert, diagnostiziert, stigmatisiert, psychiatrisiert…

Behandelt wie ein Mensch zweiter Klasse mit der Diagnose Borderline.

Meine Ängste, Gefühle, Traumata… werden dabei geflissentlich, gekonnt ignoriert.

Entmenschlicht, weil sie meine Selbstverletzungen nicht verstehen und das zeigen sie mir. Immer und immer wieder.

Ich tue mir Gewalt an, weil ich Gewalt erfahren habe. Sie tun mir Gewalt an, weil ich mir Gewalt antue. Ein Teufelskreis…

Gewalt erzeugt Gegengewalt.

Entweder gelingt es uns dies zu unterbrechen oder es eskaliert…

Irgendwann…

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