Seelischer Schmerz (Poetry Slam Text)

Ich falle und falle und falle…

Immer tiefer und tiefer und tiefer…

Ich falle ins Bodenlose. Haltlos stürze ich hinab. Keiner ist da, der mich auffängt. Keiner der mich hält. Ich fühle mich alleine, verlassen, alleingelassen.

Der Schmerz zerfrisst mich, der Schmerz umgibt mich. Er lässt mich nicht los.

Unerträglich ist dieses Gefühl. Ich kann ihn nicht mehr ertragen, will ihn einfach nicht mehr spür‘n!

Der Schmerz hat mein Herz in Stacheldraht gewickelt. Gespickt mit fiesen Spitzen, die sich in mein wundes Herz bohren. Sie schmerzen und pieksen, ich kann mich nicht dagegen wehr‘n.

Viele fiese, scharfe, spitze Kanten aus kaltem Draht und rostigem Metall durchbohren mein Herz.

Über die Jahre wurden es immer mehr Stacheln. Mehr Draht. Mehr Schmerz. Er hat sich angestaut, ausgebaut, aufgestaut und summiert. Und so blutet es, Tag für Tag.

Meine Brust ist eingeschnürt in ein viel zu enges Korsett. Ich bekomme keine Luft. Ich will schreien, der Druck will raus…

Doch es kommt kein Laut.

Meine Lippen verschlossen, der Schmerz ist in mir eingeschlossen.

Ich bekomme gerade genug Luft, um am Leben zu bleiben und zu spür‘n, wie mein Herz sich bei jedem Schlag in dem Draht verhakt.

Ich will das Korsett zerreißen, zerfetzen, ablegen.

Doch meine Hände gehorchen mir nicht. Ich kann sie nicht bewegen, sie gehören nicht zu mir. Oder etwa doch? – Ich weiß es nicht…

Ich fühl mich benebelt in meinem Kopf. Gelähmt vom Schmerz. Aus Angst. Mein Herz pocht.

Panik packt mich, lässt mich erstarren. Reglos, Bewegungslos, Kopflos, Atemlos. Ich bekomme kaum noch Luft.

Ich versuch mich nicht zu bewegen, weil jede Bewegung schmerzt. Starr bin ich. Starr und gelähmt aus Angst vor dem Schmerz.

Lautlos rollen die Tränen über meine Wangen. Strömen wie Bäche aus meinen Augen, ich kann sie nicht mehr aufhalten.

Ich wische sie nicht weg… Ich müsste mir die Nase putzen, dafür müsste ich mich bewegen und dann stiege der Schmerz… ich lasse ich es… lasse sie fließen, kraftlos und aus Angst vor noch mehr Schmerz…

Keiner sieht den Stacheldraht um mein Herz, denn er ist IN meinem Körper. Versteckt unter Haut und Knochen. Tief in meinem Innern. Tief in mir drin… Unsichtbar für die Welt und jeden um mich herum.

Keiner sieht das zu enge Korsett, es liegt unter meiner Haut. Maßgeschneidert, angepasst, nur zwei, drei Nummern zu klein.

Ich kann nicht schreien, über meine Lippen kommt kein Laut. Ich ersticke langsam. Ersticke an dem Schmerz. Ich fange an mehr und mehr zu schweigen. Verstumme mit der Zeit. Denn es will ja doch keiner etwas davon hör‘n.

Die Menschen sind hilflos, überfordert, wehren es ab. Sie können damit nicht umgehen, es nicht ertragen, aushalten und schmettern meine Worte einfach ab.

Ich schwimme in einem See, kalt und nass kleben meine Klamotten am Körper, ich frier‘.

Ich suche nach einem Strohhalm, an dem ich mich festhalten kann. Doch sie sind unerreichbar oder brechen sofort ab. Meine Last ist zu schwer, sie können sie nicht halten und ich bin allein.

Allmählich geht mir die Kraft aus. Ich habe nicht einmal mehr die Kraft überhaupt zu versuchen nach einem Halm zu greifen, der mich halten könnte und ich frage mich nur noch: „Wofür überhaupt?“

Ich ertrinke langsam. Sinke immer weiter Richtung Grund. Ich bekomme keine Luft mehr.

Ich schnappe nach Luft, meine Lungen füllen sich mit Wasser, ich huste, das Korsett erdrückt mich und in meinem Herz ist nur ein unendlicher Schmerz.

Mein Körper krampft, kämpft ums Überleben. In meiner Panik schlage ich wild um mich…

Es tut schrecklich weh und trotzdem fühle mich irgendwie ganz taub.

Ich stehe am Ufer und sehe mir hilflos beim ertrinken zu. Ich bin gelähmt, kann mich nicht bewegen und sinke wie ein Stein Richtung Grund.

Ich kann mir selber nicht mehr helfen. Ich schreie um Hilfe, aus tiefster Seele doch bleib dabei stumm. Meine Lungen voll Wasser und eingepresst in das Korsett.

Aus meinem Mund kommt lediglich ein „blubb“…

Wen interessiert es, wenn ich sage: „Ich kann nicht mehr?“ oder „Ich schaff das nicht mehr!“

– Richtig! Es interessiert niemanden. Sie können ja nicht helfen. Sie fühlen sich hilflos, ohnmächtig, wenden sich ab. Halten es nicht aus. Halten MICH nicht aus…

„Du schaffst das schon.“, „Stell dich nicht so an.“, „So schlimm kann das doch gar nicht sein!“

Mit jedem dieser Sätze… wächst dem Stacheldraht ein neuer Stachel und bohrt sich direkt tief in mein kleines, verletztes Herz.

Dabei wär‘ es doch so einfach… Ich will doch gar nicht viel. Ein bisschen Zuwendung vielleicht. Eine Tasse Tee. Ein Gespräch. Ein bisschen Verständnis. Etwas gemeinsame Zeit…

Jemanden, der da ist und mich hält, der zu mir hält.

Jemanden, der zuhört, mich nicht verurteilt, einfach ein offenes Ohr.

Jemanden, der mich nicht alleine lässt mit meinem Schmerz. Der ihn mit mir gemeinsam trägt. Erträgt.

Jemanden, der mich nicht noch weiter in den Abgrund stürzt mit gut gemeinten Ratschlägen. Der alles nur noch verschlimmert mit den Versuch den Schmerz wegzureden, zu ignorier‘n… Der nicht auf heile Welt macht und mich einfach stehen lässt, wie ich bin. Der mich sein lässt und nicht versucht mich zu verbiegen, zu verändern, krampfhaft zu reparier‘n.

Ich wünsche mir jemanden, der mich nicht fallen lässt…der mich sieht, wie ich bin… der hört, was ich sage… der liest, was ich schreibe… der versteht, weil er sich die Zeit nimmt, einfach einmal zuzuhör‘n…

Jemanden, der mich nicht zu verurteilt. Der nicht sagt: „Stell dich nicht so an.“, „So schlimm kann das doch gar nicht sein!“ oder „Bald sieht die Welt schon wieder anders aus.“
Ich kann es echt nicht mehr hören!

Der Schmerz kam nicht aus heiterem Himmel, er fiel nicht einfach auf mich herab. Er hat eine Vergangenheit, es gibt eine Geschichte dazu und dann macht er Sinn.

Doch wer nimmt sich heute noch die Zeit, sich diese überhaupt noch anzuhör‘n?

Und leise bohrt sich ein weiterer Stachel in mein müdes Herz…

© Leilani Engel

4 Kommentare zu „Seelischer Schmerz (Poetry Slam Text)

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