traumatische Staatsgewalt

Die Flashbacks lassen nicht lange auf sich warten…

Immer wieder bin ich in Göttingen. (Ausgerechnet der Stadt in der ohnehin alles begann…)

Immer wieder bin ich in diesem Zimmer.

Immer wieder in diesem Bett.

Immer wieder fixieren sie mich.

Ich höre das Klacken der Magnete und das Reißen der Klettverschlüsse.

Und dann lassen sie mich einfach da liegen.

Alleine.

Ans Bett geschnallt.

Hilflos und verlassen liege ich da.

Ohnmächtig.

Entrechtet, weil ich zu verzweifelt bin…

Wie immer habe ich versucht, mir einzureden, dass ich selber Schuld bin.

Dass ich es nicht anders verdient habe, weil ich mir ja immer wieder etwas antue.

Aber es funktioniert nicht mehr, weil ich inzwischen weiß, dass es nicht stimmt.

Weil ich weiß, dass sie etliche andere Möglichkeiten gehabt hätten und sich nur für die für sie Bequemste entschieden haben!

Ich bin schließlich schon traumatisiert und zerbrochen und verzweifelt und somit „psychisch krank.“

Ich habe zwar gesagt, ich würde keine Suizidversuche mehr machen, aber aufgrund meiner Vorgeschichte wäre diese Aussage zu Recht als nicht tragfähig und ich als nicht absprachefähig abgetan worden.

Tagelang festgekettet ans Bett.

Das Klacken der Magnete.

Das Reißen der Klettverschlüsse.

Die Hilflosigkeit.

Die Angst.

Das ohnmächtig alleine gelassen werden.

Die Notfallklingel oft außerhalb meiner Reichweite.

Die Körperlichen Schmerzen durch die OP und die Schmerzen durch das tagelange auf dem Rücken liegen in fast derselben Position.

Ich sitze heulend und verzweifelt in der Zimmerecke.

Ertrage es nicht in einem Bett zu liegen, wo auch Fesseln angebracht werden könnten – auch wenn sie es hier bei mir noch nie getan haben…

In meinem Kopf bin ich immer wieder dort.

In dem Zimmer.

In dem Bett.

Alleine und verlassen und gebrochen.

Noch mehr als zuvor.

Auch die laute Musik in meinen Ohren kann es kaum übertönen.

Das Klacken der Magnete und das Reißen der Klettverschlüsse.

Ich war nicht aggressiv.

Ich habe mich nicht gewehrt.

Ich habe nicht versucht wegzulaufen.

Ich wäre in meiner körperlichen Verfassung, nach der OP, niedriger HB, Schmerzen… ohnehin nicht weit gekommen. Der Monitor hätte sofort Alarm geschlagen und ich hätte nicht einmal gewusst, wo ich hätte hinlaufen sollen in dem Nachthemdchen halb nackt!

Trotzdem bestand der Oberarzt in seinem weißen Kittel, der nicht einmal mit mir sprach, ich müsste zusätzlich gefesselt werden.

Im Kurzbrief heißt es: „Bei Agitation und Fluchtgefahr musste die Patientin rezidivierend fixiert werden.“

Offensichtlich ging es mir noch nicht schlecht genug.

Er sah wohl doch noch etwas in mir, das noch nicht zerbrochen genug war.

Die Drecksarbeit überließ er natürlich den Schwestern, denen es unendlich leid tat.

Und innerhalb von fünf Minuten entschieden studierte Juristen, dass ich kein Mensch bin. Zumindest keiner mit Grundrechten.

Denn Menschenwürde existiert eben doch nur als ein Wort im Grundgesetz!

Nicht in der Realität.

Und wieder höre ich das Klacken der Magnete und das Reißen der Klettverschlüsse.

Ich wünschte es wäre jemand da, der mich festhält, damit ich weiß, dass ich nicht alleine bin.

10 Tage war ich fixiert.

10 qualvolle, endlos lange Tage!

Und ich weiß, die Flashbacks werden mich noch Jahre begleiten. Sie werden mich immer wieder einholen und ich kann nichts dagegen tun. Ich weiß das, ich kenne mich aus mit Flashbacks. Denn eigentlich hatte ich davon auch vorher schon genug.

Sie wollten mich damit am Leben halten und gaben mir nur umso mehr Gründe, nicht mehr leben zu wollen!

Folter ist in Deutschland legal, hast Du einmal den Stempel „psychisch krank.“

Und ich weiß, es könnte jederzeit wieder passieren, denn sie haben die Macht dazu und es ist bequemer als sich mit einem Menschen zu befassen.

Zu reden oder gar Zeit zu investieren.

Selbst an die Gesetze des PsychKG scheinen sie sich nicht halten zu müssen, von wegen 1:1 Betreuung bei Fixierung. Wen interessiert das schon? Deshalb haben sie mich ja fixiert, denn dafür hatten sie angeblich kein Personal!

Geschissen auf die Folgen.

Geschissen auf den Schaden, den sie damit anrichten.

Geschissen auf die weiteren Traumata in meinem Leben.

Denn es ist ja nicht IHR Problem!

Es ist mein Problem und ich gelte ja ohnehin nur als „psychisch krank!“

Ich bin der Meinung, jeder Arzt, jeder Polizist, jeder Jurist und jeder, der beruflich anderen Menschen Gewalt antun darf, sollte in seiner Ausbildung diese auch durchleben müssen. Eine Woche eingesperrt in einer Psychiatrie. Einen Tag fixiert. Einfach so. Denn so ergeht es vielen von uns. Oft wissen wir nicht einmal, wieso…

Ich wünsche Ihnen nichts Böses, ich will nur, dass sie wissen, was sie anderen Menschen damit antun, damit sie zumindest einmal darüber nachdenken bevor sie sowas tun!

„Dann würde aber keiner mehr die Ausbildung machen.“, bekam ich mehrfach zu hören als Gegenargument.

„Achja? Aber bei uns ist das völlig OK?!“

Alternativ könnte man natürlich auch gesetzlich diese Foltermaßnahmen ganz verbieten, in anderen Ländern funktioniert das durchaus. Aber dazu bräuchte es ein wenig Verständnis und Menschlichkeit in unserer Welt und das ist ganz offensichtlich zu viel verlangt…

8 Kommentare zu „traumatische Staatsgewalt

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  1. Es ist so krass, wie das alles funktioniert. Das ist zum kotzen. Keiner sollte das Recht haben sowas zu entscheiden, ohne zu wissen was er da anderen Menschen antut.

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  2. Danke, dass du diesen Text geteilt hast!
    Es ist wichtig, über diese staatliche Folter in Deutschland nicht zu schweigen! Umso mehr wir darüber sprechen, desto eher werden diese Praktiken irgendwann verboten sein.

    Gefällt 1 Person

  3. Durch Deinen Text ist gut erkennbar, dass Fesselungen traumatisieren. Dabei geht es auch anders: Dr. Luc Turmes aus Herten hatte schon vor über 10 Jahren die Fixierungen über 80% senken können – ohne mehr Personal sondern durch Fortbildungen, Regeln, Absprachen. Gleiches gilt für eine Psychiatrie in Israel nahe Gaza, die niemand mehr fesseln durfte, damit alle Patienten sehr schnell flüchten können bei Bombenalarm. Überraschung: Nach einigem bemühen konnte darauf tatsächlich verzichtet werden. Fazit: Es geht auch anders.

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    1. Danke für diesen Kommentar. Es gibt viele Konzepte in denen es anders geht, aber alle haben wohl eins gemeinsam. Die “Behandler“ müssten uns als Menschen anerkennen und im Zweifel bereit sein mehr Arbeit durch Gespräche, Interesse, Menschlichkeit aufzuwenden…

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