Lillith

Dieser Beitrag ist letzten Sommer entstanden, geschrieben für einen Schreibwettbewerb und musste daher bis jetzt unveröffentlicht bleiben. Da ich denke, dass er dennoch gut gelungen ist und sich der eine oder die andere sich darin wiedererkennen und dadurch weniger einsam fühlen könnte, habe ich mich entschieden ihn trotzdem online zu stellen. Er ist nicht ganz aktuell!

Wieder einmal stehe ich vor meinem Spiegel. Dem großen in meinem Schlafzimmer. Ich schaue mein Spiegelbild an. Müde, fremde, leere Augen blicken zurück. Ich erkenne mich nicht. Die Person im Spiegel ist mir fremd. Sie wirkt so… heil. Irgendwie.

Ganz anders als ich mich fühle. Ich kann den Anblick kaum ertragen und wende meinen Blick ab. Doch ich spüre, wie mein Spiegelbild mich auch noch mit weg gedrehtem Kopf beäugt. Darauf wartend, was ich als nächstes tun werde.

Meine Hände ballen sich zu Fäusten und ich merke, dass ich vor Anspannung die Zähne aufeinander presse. Dann schlage ich zu. Mit geballter Faust und voller Kraft. Mitten in das fremde Gesicht im Spiegel. Der Spiegel birst. Ein heftiger Schmerz durchzuckt meine Hand und meinen ganzen Arm bis in die Schulter hinein. An der Stelle, wo ich den Spiegel getroffen habe, läuft etwas Blut hinab und die Risse ähneln einem Spinnennetz, das sich von dieser Stelle ausbreitet. Ein paar der Scherben fallen zu Boden, aber die meisten bleiben in ihrem Rahmen.

Reglos stehe ich vor dem Spiegel, nehme den Schmerz kaum wahr und betrachte mein Spiegelbild. Erleichterung macht sich breit. Der makellose Anblick ist durchbrochen, ich erkenne mich endlich in meinem Abbild wieder. Jetzt zeigt es nicht nur mein Äußeres, sondern spiegelt auch mein Innenleben. Es zeigt den Schmerz, die Risse und Narben. Ich muss mich nicht länger verstecken. Tränen der Erleichterung rollen meine Wangen hinab und über meine Lippen huscht ein Lächeln. Ich fühle mich verstanden. Mein Spiegelbild sieht so aus, wie ich mich fühle. Die Maske ist gefallen, ich würde sie am liebsten nie wieder aufsetzen…

Ich hole mir meine Decke vom Bett und setze mich vor dem kaputten Spiegel auf den Fußboden. Wir fangen an zu reden, mein Spiegelbild und ich. Sie ist wie meine beste Freundin bei der ich mich nicht verstecken muss. Sie kann mich und meinen Schmerz aushalten, ich muss kein Blatt vor den Mund nehmen. Ich darf all die Dinge aussprechen, bei denen die Menschen sonst erschrecken. Die grausamen Dinge, die mich belasten, die die anderen nicht aushalten können. Mit ihr kann ich über alles reden, was mich belastet. Sie verurteilt mich nicht. Sie ist geduldig und versteht mich. Es tut so gut, jemanden zum reden gefunden zu haben. Jemanden, der einfach zuhört. Meine neue Freundin heißt Lillith und ist genauso kaputt und zerbrochen, wie ich. Es fühlt sich so an, als würden wir uns schon ewig kennen.

Mit Lillith kann ich über all die Tabus reden. Es wird ihr nicht zu viel, wenn ich von dem Mobbing in der Schule berichte. Wie grausam Jugendliche zueinander sein können. Von all den Schikanen. Von den Briefen meiner Mitschüler, die ich des öfteren auf meinem Sitzplatz liegen hatte, wo Dinge standen wie: „Geh dahin, wo Du hergekommen bist. Keiner will Dich haben. Alle lachen über Dich!“

Lillith sitzt schweigend da, hört mir zu und spendet mir Trost. Ich sitze neben ihr in meine Decke gekuschelt und lehne mich bei ihr an. Schulter an Schulter und Kopf an Kopf. Ich stelle mir vor, wie ihre Arme aus dem Spiegel greifen und mich festhalten. Sie weiß, wie ich mich fühle. Sie kennt dieses Gefühl, auseinander zu fallen, allzu gut. Außer ihr kann es kaum einer verstehen. Es ist zu abstrakt – dieses Gefühl innerlich zu zerreißen. So sitzen wir oft stundenlang da. Schweigend verstanden. Seelenverwandte.

Auch über die sexuelle Gewalt kann ich mit Lillith reden. Darüber, dass mein Vater nachts zu mir ins Bett kam. Über das Gefühl zu ersticken, wenn er seine große, nach Alkohol stinkende Zunge tief in meinen Hals steckte, damit ich nicht laut schreien konnte. Ich kann ihr von dem Ekel erzählen. Von meiner Scham. Weil sie mich versteht. Lillith würde nie auf die Idee kommen, mir zu sagen, ich wäre selber Schuld gewesen. Sie würde auch nie einen dieser oberflächlichen Sprüche machen, dass ich es doch endlich vergessen und nach Vorne blicken soll. Lillith weiß, dass das nicht so einfach geht. Deshalb sagt sie nichts. Sie versteht. Sie trägt den Schmerz gemeinsam mit mir. Sie weiß, wie es sich anfühlt. Dass der Schmerz auch nach Jahren noch da ist. Sie weiß, wie es ist, wenn einen die Flashbacks und Erinnerungen heimsuchen. Wenn man Nachts schweißgebadet, voller Panik aufwacht und bei jedem Geräusch zusammenzuckt.

Lillith weiß, wie das alles abgelaufen ist. Sie kennt all die Verfahrensfehler, die passiert sind. Sie regt sich mit mir auf. Ist eine Verbündete in diesem korrupten System. Unwahrhypothese: „Das angebliche Opfer, behauptet, von dem mutmaßlichen Täter missbraucht worden zu sein.“ Eingebrannt ist dieser Satz in mein Gehirn, den die Kommissarin in ihr Diktiergerät sprach. Lillith hat meine Geschichte nie in Frage gestellt. Sie weiß, dass ich nicht gelogen habe. Sie weiß, wie kaputt mich diese Unterstellungen gemacht haben. Lillith versucht nicht da noch irgendetwas schön zu reden, denn das gibt es nicht. Sie ist einfach da. Lässt mich nicht alleine. Sie gibt meinem Schmerz, meiner Wut und meiner Verzweiflung eine Existenzberechtigung, weil vieles einfach schrecklich und nicht wieder gut zu machen ist. In ihrer Gegenwart muss mein Schmerz nicht um Anerkennung kämpfen, denn sie versucht nicht, ihn wegzureden und alleine das macht ihn schon um einiges erträglicher.

Ich muss Lillith nicht erklären, wie es ist, nicht mehr die Kraft zu haben, aufzustehen und zu leben. Wenn ich im Bett bleibe den ganzen Tag und die Decke über den Kopf ziehe, weil ich es brauche. Sie versucht dann nicht mich zu überreden, raus zu gehen, Menschen zu treffen, aktiv zu werden, weil sie weiß, dass das gerade nicht geht und ich es nicht ertragen kann. Sie macht mir keine Vorhaltungen oder sagt mir, ich soll mich gefälligst zusammenreißen und mich nicht so anstellen. Sie ist einfach da und ihre Anwesenheit spendet mir Trost. Sie gibt mir das Gefühl, nicht alleine zu sein.

Vor Lillith muss ich mich nicht schämen, wenn ich das Bedürfnis habe, mich zu verletzen. Sie versteht es. Sie weiß, wie viel Erleichterung es mir bringt. Sie weiß, wie unerträglich der seelische Schmerz sein kann und wie beruhigend es ist, mein Blut zu sehen. Sie verurteilt mich nicht dafür. Sie macht keine blöden Sprüche und ich muss mich nicht erklären oder rechtfertigen. Sie tut auch nicht so, als würde ich IHR Schaden damit zufügen. Sie unterstellt mir nicht, dass ich damit doch nur Aufmerksamkeit wollen würde. Sie stempelt mich nicht als „psychisch krank“ ab. Sie respektiert mich trotzdem noch. Als Mensch. Sie denkt auch nicht, dass ich versuche damit mit ihr in Kontakt zu treten. Sie weiß, wie ich über diese Aussage denke. Dass wenn jemand zu solchen Mitteln greifen muss, um gesehen zu werden und in Kontakt zu kommen, sie mal darüber nachdenken sollten, warum der Mensch das braucht. Warum hören sie nicht vorher zu? Bei Lillith darf ich so sein, wie ich bin, ich muss mich nicht verstecken. Sie weiß, dass der innere Schmerz manchmal nicht mehr zu ertragen ist und ich es dann brauche, mich zu verletzen.

Auch über meine Suizidgedanken und Pläne kann ich mit ihr reden. Sie bekommt nicht sofort Panik und weist mich ein. Sie weiß, wie viel Schmerz es mir bereitet am Leben sein zu müssen, obwohl ich es gar nicht wirklich will. Sie hält mir nicht vor, wie egoistisch Suizid ist. Sie macht mich nicht zur Täterin, weil ich damit andere Menschen verletze. Denn sie weiß, wie verletzt ich bin. Sie kennt meine Geschichte. Sie versteht mich. Ja, es ist traurig, wenn ein Mensch beschließt, nicht mehr leben zu wollen. Wenn der Schmerz zu groß wird, um ihn länger ertragen zu können. Aber kein Mensch bringt sich grundlos um. Es heißt immer, niemand wäre Schuld an einem Suizid. Die Hinterbliebenen sehen sich gerne als die wahren Opfer.

Ich verstehe nicht, was den Menschen so große Angst macht bei dem Thema. Ich tue doch niemandem etwas, außer mir.

Wenn jemand sein Leben beendet hat, heißt es oft: „Warum hat er/ sie nie etwas gesagt?“ Meine Frage dazu lautet eher: „Warum hat ihm/ ihr niemand zugehört?“

Lillith weiß, wie viel Kraft es mich jeden Tag kostet, weiter zu machen. Sie sieht all die Narben und Verletzungen, die nach außen unsichtbar sind. Und mein Körper ist schon von unzähligen Narben übersät. Aber Lillith weiß, dass sie nichts sind im Vergleich zu den Narben auf meiner Seele, die all das hinterlassen hat.

Lillith weiß, dass es keine Schublade gibt, in die ich hinein passe.

Ich soll das System respektieren. Aber das System kennt keinen Respekt für mich. Lillith versteht, wie verrückt es ist, zu versuchen, Menschen mit Gewalt zu zwingen am Leben zu bleiben. Ein Trauma löst das andere nicht auf. Sie summieren sich. Und in Psychiatrien gibt es auch viel Gewalt. Hilflos ans Bett gefesselt zu sein ist ähnlich traumatisierend, wie sexuell missbraucht zu werden. Die Scham. Der Schmerz. Die Ohnmacht. Lillith weiß das.

Nur die Ärzte leider nicht…

Lillith sieht das kleine Mädchen, das sich nach einer Umarmung und Verständnis sehnt und stattdessen in Stacheldraht gewickelt wird.

2 Kommentare zu „Lillith

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