Seelischen Schmerz sichtbar machen

Dieser Beitrag ist letzten Sommer entstanden, geschrieben für einen Schreibwettbewerb und musste daher bis jetzt unveröffentlicht bleiben. Da ich denke, dass er dennoch gut gelungen ist und sich der eine oder die andere sich darin wiedererkennen und dadurch weniger einsam fühlen könnte, habe ich mich entschieden ihn trotzdem online zu stellen. Er ist nicht ganz aktuell!

Immer wieder bin ich an dem Punkt, dass mich der seelische Schmerz innerlich zerreißt! Doch wie kann ich das jemandem erklären? WAS kann ich tun, um ernst genommen und gesehen zu werden in dieser pseudo-freudestrahlenden Welt, in der jeder gemieden wird, der auch nur sagt, dass es ihm nicht gut geht…

Ich verstehe vieles und je mehr ich verstehe, desto weniger wünsche ich mir, zu wissen. Ich bekomme sehr wohl mit, was ich mir und meinem Körper immer wieder antue. Ich registriere es durchaus. Doch wenn der innere Schmerz zu unerträglich ist, weiß ich keinen anderen Ausweg mehr…

Meistens bin ich dann alleine. Niemand ist da, der zuhören will. Keiner, der die Last mit mir trägt.

Doch darin, mich für meine Bewältigungsstrategien zu verurteilen, sind sie schnell – insbesondere Menschen aus dem „Hilfesystem.“ Alkoholkonsum, Selbstverletzungen oder Suizidversuche werden verteufelt. Sind nicht gerne gesehen. Werden als „krankhaft“ deklariert. Diagnostiziert und kategorisiert. Stigmatisiert.

Ich werde darauf reduziert.

„Psychisch krank“ weil ich Gewalt erfahren habe.

(Natürlich nach psychiatrischer Definition ein biochemisches Problem in meinem Hirn, die Traumatisierungen und Gewalterfahrungen haben wenig damit zu tun.)

Die Gesellschaft wird von jeder Verantwortung freigesprochen, denn es ist angeblich ein Individuelles Problem. Ich kam nicht klar mit dem Missbrauch und dem Mobbing und der erfahrenen Gewalt. Ich bin daran zerbrochen… Ich hatte niemanden zum reden. Zu lange war ich alleine und keiner da, der mir helfen wollte…

Die Menschen in meinem Umfeld sehen mich funktionieren. Sie bezeichnen mich als „stark“ oder „mutig.“ Aber so fühle ich mich nicht. Ich habe eher das Gefühl, jeden Moment zusammen zu brechen, weil ich einfach nicht mehr kann. Ich habe das Gefühl, einfach auseinander zu bröckeln, weil mich keiner zusammenhält.

Wie kann ich diese inneren Gefühle für andere begreifbar machen? WIE?

Die meisten Menschen wollen es längst nicht mehr hören. Es ist irrelevant, wie ich mich fühle, solange ich morgens aufstehe und irgendwie durch den Tag komme. Vorträge halten können sie mir. Über meinen Alkoholkonsum. Verurteilen können sie mich. Für meine Selbstverletzungen und Suizidversuche. Doch zuhören, das können sie nicht. Da sein. Das überfordert sie. Die Last mit mir zu tragen. Ist für sie zu schwer… Sich Zeit nehmen? In der heutigen Welt? Empathie? Verständnis?

Ja, ich kämpfe… irgendwie… Ja, ich bin stark… oft nur für andere… Ich wurde lange darauf trainiert, meine Gefühle vor anderen Menschen zu verbergen. Um nicht noch mehr Schaden zu nehmen. Mich nicht angreifbar zu machen. Eine Technik, die ich inzwischen relativ gut beherrsche… Oder beherrschen würde, wenn ich es noch wollte. Aber ich will gesehen werden! Ich versuche die Menschen damit zu konfrontieren. Ich schreie nach Hilfe. Und dann verstumme ich immer wieder, denn die wenigsten wollen etwas davon hören.

Es ist ein Zwiespalt, zwischen mich verstecken, um nicht noch mehr Gewalt erfahren zu müssen, nicht noch mehr verletzt zu werden und damit offen umzugehen. Hilfe zu suchen und darüber zu reden.

Ich verstecke oft meine Narben um nicht angestarrt zu werden, weil ich nicht immer die Kraft dafür habe. Ich verstecke meine Gefühle, um mich nicht noch verletzlicher zu machen. Ich verschweige meine Gedanken, um keine dummen Sprüche, Ignoranz oder gar Gewalt entgegen geschmettert zu bekommen…

Und gleichzeitig schreie ich immer wieder um Hilfe und werde nicht wahrgenommen. Nicht gesehen. Nicht verstanden. Nicht gehört…

Ich weiß nicht mehr, was ich machen soll.

WIE kann ich meinen inneren Schmerz sichtbar machen?

Nein, nur weil ich morgens aufstehe und irgendwie die Tage überlebe, geht es mir noch lange nicht gut.

Es kostet Kraft. Es kostet extrem viel Kraft.

Tag für Tag. Am Leben zu bleiben…

Ich will meinen Schmerz hinaus brüllen, aber die Worte zerschneiden mir die Kehle. Das Blut läuft mir in die Lunge und ich habe das Gefühl zu ertrinken. Ich bekomme keine Luft mehr und habe das Gefühl zu ersticken. Mein Brustkorb zieht sich zusammen und ich bekomme kein Wort über die Lippen. Der Schrei bleibt mir in der Kehle stecken. Die Angst vor den Reaktionen lähmt mich.

Aber das sieht keiner. Es hört keiner. Es versteht keiner.

Ich habe die meiste Zeit meines Lebens versucht unsichtbar zu sein. Um zu überleben. Um so wenig Strafen und Gewalt und Spott wie möglich zu erhalten…

Einige Menschen registrieren, dass ich mich zurückziehe. Dass ich eine Mauer um mich errichte und sie nicht mehr an mich heran lasse. Aber die meisten registrieren nicht einmal das.

Aber auch die, die es registrieren, merken nicht, dass ihr eigenes Verhalten dazu beiträgt. Dass sie mich verletzen mit dem was sie sagen. Dass sie mich verletzen, dadurch, wie sie mich sehen. Und vor allem, was sie alles nicht sehen!

Wie könnte ich meinen Schmerz sichtbar machen, ohne meinen Körper zu zerstören? Ohne Blut fließen zu lassen?

Es heißt dann dauernd, wir – Menschen, die sich selbst verletzen – wollen doch nur Aufmerksamkeit.

Deshalb verstecken wir uns auch so oft. Deshalb zeigen wir unsere Narben nicht. Deshalb schämen wir uns auch dafür…

Was muss in einer Beziehung passieren, dass ein Mensch in seiner Verzweiflung zu solch drastischen Mitteln greift, um gesehen zu werden? Was ist falsch an ein bisschen Aufmerksamkeit, brauchen wir die nicht alle?

Ich frage Dich: „Wie verzweifelt und einsam müsstest Du Dich fühlen, um Dir freiwillig die Haut zu zerschneiden? Wie groß müsste Dein innerer Schmerz sein, damit Du ihn auf diese Weise zu betäuben versuchst? Wie leer oder tot müsstest Du Dich fühlen um auf diese Weise zu begreifen, zu merken, dass Du noch da bist?“

Warum wollen die Menschen nur meine Stärke sehen, nicht aber meine Zerbrechlichkeit?

„Du bist der unglaubwürdigste Mensch auf Erden. Denn Du redest ständig davon, Dich umzubringen, tust es aber doch nie.“, sagte ein Bekannter zu mir.

Ich will, dass dieser Satz auf meinem Grabstein steht, wenn ich es doch irgendwann geschafft habe, mich zu suizidieren.

Wenn ich nicht wieder überlebt habe, die Ärzte mich nicht mehr zwingen können, im Leben zu bleiben und alle denken, dass ich eigentlich nicht wirklich sterben wollte…

Doch! Das wollte ich… Sehr oft sogar!

Ich war nur nicht mutig und stark genug dafür…

Ich lebe noch und ich kämpfe. Und ich weiß, solange ich lebe, muss ich kämpfen.

Für Aufklärung. Für Toleranz. Für Respekt. Für Akzeptanz. Für Empathie. Für Betroffene.

Gegen Vorurteile. Gegen Ignoranz. Gegen die Strukturen des Systems.

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